Die „Titanic“ ist unsinkbar

MartinSonneborn

Einmal Passagier auf der „Titanic“, immer Passagier auf der „Titanic“ – das hätte den Redakteuren von „Zimmer frei!“ klar sein müssen. Wer den ehemaligen Chef, aber immer noch Herausgeber, des Satiremagazins und dazu Politiker der Partei „Die PARTEI“ einlädt, muss damit rechnen, dass es einen privaten Martin Sonneborn in der medialen Öffentlichkeit nie geben wird. Redakteure der „Titanic“ sind schon aus Selbstschutz nie privat und nie satirefrei, sie verstießen sonst gegen ihre eigene Maxime und setzten sich den Rachegelüsten der Geschmähten aus.

Die Sendung wurde zunächst nicht ausgestrahlt, weil Sonneborn nicht lustig und unterhaltend gewesen sei. Lustig und unterhaltend war er. Nicht unterhaltend und überraschend war Christine Westermanns Naivität, Humorlosigkeit und Unprofessionalität. Satire ist mitunter böse, das weiß man. Aber hat uns Sonneborn nicht wieder die Absurdität gesellschaftlicher und politischer Verhältnisse vorgeführt – und vielleicht auch die Absurdität der Sendung? Leider konnte er immer nur andeuten.

Frau Westermann war empört und völlig überfordert, weil jemand gegen die Gepflogenheiten verstieß. Von Harald Schmidt ist man bissigen Humor gewohnt, von Sonneborn erwartete man Benimm. Dabei boten die Einspieler schon einen schönen Rahmen und eine ideale Sprungschanze für großen Humor. Doch Wester- und Alsmann schafften den Absprung nicht. Hätten sich die Moderatoren von ihrer Routine nicht so fesseln lassen und sich auf ihren Gast eingestellt, wie grandios hätte die Sendung werden können.

Warum Ludwig Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie kein Meisterwerk ist

NeueNationalgalerieBerlinMies van der Rohe erhielt 1962 den Auftrag, ein Museum zu errichten. 1965 begann der Bau, der 1968 vollendet wurde. Der Architekt entschied sich für eine Stahl-Glas-Konstruktion auf einer 105×110 m Meter großen Granitterrasse. Das quadratische Dach lagert auf acht Stahlstützen und überragt die umlaufenden Glaswände, die die stützenfreie Haupthalle des Museums bilden. Zwei Treppen im Inneren führen in weitere Ausstellungsräume mit labyrinthischer Raumaufteilung.

Form follows function, die Form folgt der Funktion  – so lautete einer der Leitsprüche des Bauhauses, dessen Direktor Ludwig Mies van der Rohe von 1930 bis 1932 war. Erfüllte er mit seinem Entwurf diese Prämisse?

Der Architekt selbst konstatierte, die große Halle bedeute ebenso große Schwierigkeiten für das Ausstellen von Kunst. Und bei der Eröffnungsausstellung begannen sich bereits die ersten Fehlleistungen des Architekten zu offenbaren. Am 15. September 1968 geriet das Dach bei windigem Wetter derart ins Schwanken, dass die Angst um die ebenfalls schwingenden ausgestellten Mondrian-Bilder größer war, als die Freude über die Eröffnung. Wenn der Architekt Kunst im wahrsten Sinne des Wortes zum Tanzen bringt, dann ist das kein schönes Bild (Christina Tilmann im Tagesspiegel, 14.09.2008), sondern ein Eklat für ein Museum. Kondenswasser an den und Sprünge in den Glasscheiben, rostende Stahlträger, bröckelndes Fundament, Probleme der Konservierung und Ausstellungskonzeption. Die Kunst droht stets in der Architektur unterzugehen – gut für das Ego eines Architekten, schlecht für ein Museum. Auch das Untergeschoss, zergliedert in 23 Eintelräume, lässt Ausstellungsmacher und Besucher verzweifeln. Wie Bilder hängen, wie den Besucher durch die Ausstellung führen, wie garantieren, dass sich dem Besucher auch jedes Werk erschließt? Mies van der Rohe mangelte es an Voraussicht und Einfühlungsvermögen in die Funktion eines Museums. Was ist ein Gebäude ohne Nutzwert? Ein bloßes skulpturales Objekt. Aufgabe des Architekten ist es, ein Bauwerk zu schaffen, dass seinem Zweck gerecht wird, sich harmonisch in die Umgebung einfügt und durchaus zugleich innovativ und kreativ sein kann. Doch an erster Stelle steht die Funktionalität. Ein bloßes architektonisches Kunstwerk ist nutzlos.

Laut Vitruvs „De Architectura“ beruht Architektur auf drei Prinzipien: Stabilität, Nützlichkeit und Anmut. Ludwig Mies van der Rohe hatte den Auftrag, ein Museum zu errichten. Er schuf einen Bau, der weder stabil noch problemlos nutzbar ist. Ob er durch Anmut glänzt, darüber lässt sich streiten. Mies van der Rohe hat seinen Auftrag nicht erfüllt.

Gräuel hinter farbenfroher Kulisse

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Wie einem Kind den Holocaust erklären? Dass der Spielkamerad und Freund abgeholt wird, um zu sterben, ermordet zu werden? Was soll eine Mutter ihrem Kind da sagen? Verkraftet ein kleiner Junge die Wahrheit?

Bereits Roberto Benigni verwandelte für seinen Sohn in „Das Leben ist schön“ (1997) einen realen Albtraum in eine Fantasiewelt voll guter Laune und Albernheit. Nun lässt auch die Mutter (Julia Jäger) in Jochen Alexander Freydanks Kurzfilm das KZ zum Spielzeugland mit überdimensionalen Teddybären werden, in das der Freund David (Tamay Bulut Özvatan) seine Reise unternimmt. Natürlich will Heinrich (Cedric Eich) das Abenteuer miterleben und macht sich mit seinem winzigen Koffer auf den Weg. Verzweifelt sucht ihn die Mutter, bis sie vor dem Zug über Leben und Tod entscheiden muss.

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Freydank gelingt es, die Absurdität, die Wahllosigkeit und Nüchternheit, mit der über die Wertigkeit eines Menschen und Lebens entschieden wird, zu zeigen, ohne in rührselige Dramaturgie zu verfallen – nur ein Klavier, eine einfache, ruhige Bildsprache, ein gedämpfter Ton. Allein die Selbstverständlichkeit, mit der die Beteiligten die Transporte hinnehmen, schmerzt. Die Mutter ist teilnahmslos und nur in Anbetracht der Gefahr für ihren eigenen Sohn aufgebracht. Da werden doch auch ihre jüdischen Freunde weggeschafft wie Vieh! Doch die Opfer sind schon längst resigniert, ohne Kraft für Gegenwehr. Die Nazischergen ohnehin kalt. Alles ist standardisiert und alltäglich.

Spielzeugland“ berührt gerade, weil er Vieles weglässt – er verfällt weder in Gefühlsduselei noch in Banalisierung. Der ganze Schrecken des Holocaust sitzt in aller Köpfe und dieses Wissen über Gewalt und Willkür nutzte Freydank, um mit Schlichtheit eine stille Traurigkeit zu erzeugen.
Der Oscar 2009 für „Spielzeugland“ ist hoch verdient.

And the Oscar goes to …

Mit acht Oscars ist „Slumdog Millionaire“ (Kinostart: 19.03.2009) der Gewinner der Verleihung.

Hauptdarsteller (Actor in a Leading Role)

Richard Jenkins – „The Visitor“

Frank Langella  – „Frost/Nixon“

Sean Penn – „Milk“

Brad Pitt – „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ („The Curious Case Of Benjamin Button“)

Mickey Rourke – „The Wrestler“


Nebendarsteller (Actor in a Supporting Role)

Josh Brolin – „Milk“

Robert Downey Jr. – „Tropic Thunder“

Philip Seymour Hoffman – „Glaubensfrage“ („Doubt“)

Heath Ledger – „The Dark Knight“

Michael Shannon – „Zeiten des Aufruhrs“ („Revolutionary Road“)


Hauptdarstellerin (Actress in a Leading Role)

Anne Hathaway – „Rachels Hochzeit“ („Rachel Getting Married“)

Angelina Jolie – „Der fremde Sohn“ („Changeling“)

Melissa Leo – „Frozen River“

Meryl Streep – „Glaubensfrage“ („Doubt“)

Kate Winslet – „Der Vorleser“ („The Reader“)


Nebendarstellerin (Actress in a Supporting Role)

Amy Adams – „Glaubensfrage“ („Doubt“)

Penélope Cruz – „Vicky Cristina Barcelona“

Viola Davis – „Glaubensfrage“ („Doubt“)

Taraji P. Henson  – „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ („The Curious Case Of Benjamin Button“)

Marisa Tomei – „The Wrestler“

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Traumtänzer auf fragilem, kristallenem Klang

Mit „Allein, Allein“ landeten Polarkreis 18 einen Erfolgshit, der auch ihrem zweiten Album „The Colour Of Snow“ Beachtung schenkte. Während „The Colour Of Snow“ jedoch bereits dem Massengeschmack angepasst scheint, sind die Musiker in ihrem Debütalbum noch ganz bei sich selbst.

Polarkreis 18 lassen sich stilistisch schwer einordnen, auffallend ist die Mischung aus Pop, Indierock und dem sogenannten Synthie-Pop, der vornehmlich auf elektronische Instrumente zurückgreift – aber dann setzen bei Polarkreis 18 plötzlich und wie selbstverständlich die Streicher ein. Dabei entstehen meist nuancierte Klangfarben, traumtänzerisch und durch manche Violine märchenhaft („After All He Was Sad“). Sanfte Töne und die hauchende Stimme Felix Räubers lassen „Chiropody“ wie Schneeflocken schweben, die darauf bei „Somedays Sundays“ in ein optimistisches Tanzen übergehen, in der Sonne glitzernd und funkelnd. Ein Schneesturm fegt über den „Crystal Lake“ – gespenstisch und melancholisch.

„Polarkreis 18“ glänzt durch den Wechsel von ruhigen, melodischen, entspannten Momenten und kraftvollen, wütenden Ausbrüchen aus allzu viel Harmonie. „Look“ und „Ursa Major“ wirken wie eine Funkstörung, schnell und hektisch, nahezu panisch. Doch „Under This Big Moon“ bietet einen versöhnlichen Ausklang einer phantastischen Wanderung durch die Eiswüste.

Polarkreis 18 – „Dreamdancer“

Polarkreis 18 – „Chiropody“

Polarkreis 18 – „Somedays Sundays“

Polarkreis 18 – „Crystal Lake“

Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom eines Filmemachers

therockerKlingt das nicht wie 80er Jahre Musik?
Tatsächlich. Es spielt „Vesuvius“, eine aufstrebende Rockband mit wilder Gestik, geschmacklosen bunten Outfits und langen Haaren – etwas feminin anmutend. Ihr Manager überrascht die Rocker nach ihrem Auftritt mit einem Plattenvertrag und der Tatsache, dass Drummer Robert Fishman alias Fish (Rainn Wilson) nun eigene Wege gehen muss, weil ihn das Vitamin B aus der Band kickt. Fish ist außer sich vor Wut und schwört ewige Rache.

Sein Weg führte ihn jedoch in ein Callcenter, wo er ein gelangweiltes Dasein fristet und nach 20 Jahren immer noch und immer wieder mit dem überwältigenden Erfolg „Vesuvius'“ konfrontiert wird. Bei der Präsentation des neuesten Erfolgsalbums durch einen Kollegen, platzt Fish endgültig der Kragen, er verliert seinen Job, seine Wohnung und sein letztes Fünkchen Würde als er bei seiner Schwester auf dem Dachboden Unterschlupf findet. Der Zufall will es, dass die Band seines Neffen gerade einen Schlagzeuger sucht, um beim Schulball richtig abzuräumen. Und wenn sich eine Band A.D.D. (Attention Deficit Disorder) nennt, dann ist Fish da genau richtig.

Peter Cattaneo, bekannt durch seinen preisgekrönten Film „Ganz oder gar nicht“ (1997), liefert mit „The Rocker“ seine vierte Spielfilmproduktion und kann wiederum nicht an den Erfolg seines Erstlingswerks, voller subtiler Komik und sozialkritischem Unterton, anknüpfen. Bereits seine zweite Regiearbeit „Lucky Break“ (2001) hatte bei Publikum und Kritik einen schweren Stand und „The Rocker“ wird es nicht leichter haben.

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Der Film beginnt temporeich, beinahe hyperaktiv mit etwas viel Klamauk und Albernheit, er leidet an Stimmungsschwankungen und Konzentrationsstörungen, nichts zeigt eine kontinuierliche Linie. Leise Momente werden unwirsch unterbrochen durch Slapstick, den ein Charlie  Chaplin oder Buster Keaton meisterhaft beherrschte, der hier jedoch zur plumpen Blödelei verkommt. Dass sich ein Gag wenige Minuten später in ähnlich peinlicher Weise wiederholt, trägt wenig zum Amüsement bei.

Die Charaktere zeichneten die Drehbuchautoren zu eindimensional, eine Figurenkonstellation voller Klischees: die strenge Mutter (Jane Lynch als Mrs. Gadman), der langweilige Vater, der einem Rockerleben nachträumt (Jeff Garlin als Mr. Gadman), der dicke Loser-Sohn (Josh Gad als Matt), die freche Schwester (Samantha Weinstein als Violet), der melancholische junge Leadsänger, der in Fish einen Ersatzvater findet (Teddy Geiger als Curtis) und die pubertierende Rockgöre, die Avril Lavigne zum Vorbild hat (Emma Stone als Amelia). Die Handlung ist zu vorhersehbar, ohne Spannung und Originalität. Der einzige Lichtblick des Films zeigt sich im wunderbar charmanten Spiel Rainn Wilsons, der einige schöne Augenblicke kreiert – doch wenige nette Momente machen einen Film zu keinem Rocker.

„The Rocker“ – ab 29.01.2009 im Kino

… der Traum des Menschen vom Fliegen in Erfüllung geht:


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