Warten auf Miró – Ein Tag in der MoMA-Schlange

Der frühe Vogel fängt den Wurm oder die Schlange – oder auch nicht.
Natürlich wussten Leni, Anke und ich von der gefürchteten, durch die Medien zum exotischen, bunten, fröhlichen Getier stilisierten MoMA-Schlange und fanden uns an diesem verregneten, kalten Sommertag bereits 8 Uhr in der Ticket-Schlange, der kleinen Schwester der MoMA-Schlange, ein. Leider war auf der Internetseite des MoMAs in Berlin kaum etwas über das Prozedere der Ticketvergabe herauszubekommen, wir waren also zunächst froh, dass die kleine Schlange nicht so lang war.

Nach einer halben Stunde des geduldigen Wartens stellte Anke fest, dass die MoMA-Schlange bereits erwacht war, sie rekelte sich oben gemütlich um das Glas-Gebäude der Neuen Nationalgalerie und wuchs und wuchs und wuchs. Hatten die Menschen etwa schon Karten für die heiligen Hallen? Ja! Und sie hatten die Tickets bereits am Vortag gekauft! Ging denn das? JA, ES GING!

Während Leni und ich unten im Regen ausharrten, nahm die obere Schlange Anke genüsslich in sich auf. Das Buch über einen Theorieansatz zur Schauspielkunst, welches sie, von uns im Stich gelassen, las, stellte sich als eher trockene Kost heraus. Vor uns stand eine Familie mit vier Kindern (das Jüngste vielleicht drei, das Älteste etwa zehn Jahre alt), die wir darauf hinwiesen, dass oben bereits gerekelt wurde und man sich am sinnvollsten getrennt anstellt. Nun war die Mutter für einige Zeit alleinerziehend und versuchte, die Kinder bei Laune zu halten. Ein Mann fragte uns, ob wir ihn vorlassen könnten, weil seine Frau oben an vorderster Front stand. Natürlich lehnten wir ab, hier musste um jeden Zentimeter gekämpft werden! Später, als wir unsere vom Warten apathisch gewordenen Gehirnwindungen in Gang setzten, fiel uns ein, dass wir einen Tauschhandel hätten wagen können und uns dafür oben vor dem Mann hätten einreihen können – ja, ja, hätten können … .

9.30 Uhr öffnete endlich die Kasse. 9.45 Uhr hielten wir stolz die Eintrittskarten in den Händen, sie strahlten. Wir machten uns, ermutigt von diesem bescheidenen Erfolg, zur jetzt mit unzähligen Menschen gemästeten MoMA-Schlange auf. Ein Ehepaar bot seine Karten feil, weil eine Wartezeit von fünf Stunden veranschlagt war. Pöh, was sind schon fünf Stunden!? Leni und ich gesellten uns zu Anke und es ging schrittweise vorwärts.

Die Schlange wurde 10.30 Uhr geschlossen, nun durfte sich niemand mehr anstellen. Als Anke erfuhr, dass mittlerweile eine Wartezeit von ZEHN Stunden angenommen wurde, entschlossen wir uns dazu, Klappstühle von IKEA zu leihen. Ein Stuhl kostete einen Euro plus zehn Euro Pfand. Die Schlange wand sich zweimal um das Glashaus. Nun bloß nicht den Optimismus verlieren, es würden niemals ZEHN Stunden werden. Anke und Leni froren, irgendwie war es gar nicht wie Sommer.

Zunächst kroch die Schlange jede halbe Stunde etwa fünf bis zehn Meter vorwärts. In zwei Stunden absolvierten wir Eineinviertel der Hauswand und 12.00 Uhr bogen wir um die Ecke zur nächsten Hauswand. Die Glocken der St. Matthäus-Kirche läuteten erhaben, die wartenden Menschen hatten es sich häuslich gemacht, breiteten Decken aus, lasen, setzten sich in selbst mitgebrachte Stühle mit Lehnen (die Glücklichen) und zogen die Schuhe aus. Inzwischen hatten sich die unerbittlichen Regenwolken erbarmt und ließen die Sonne durchblinzeln. Leni gab dem Mädchen vor uns eine Kopfschmerztablette, ein schwules Pärchen legte sich auf den Boden und löste Kreuzworträtsel. Zwei Frauen aus Schwaben hinter uns dachten, sie würden 12.00 Uhr die Räume betreten, spekulierten jetzt auf 14.00 Uhr, obwohl noch mehr als fünf Hauswände vor uns lagen.

Nachdem Anke und Leni sich in der Sonne aufgewärmt hatten, begaben sie sich auf den Weg der Nahrungsbeschaffung, da unser Proviant bereits verzehrt war. Ich musste nun drei Stühle weiterschieben, sehr viel weiter ging’s allerdings nicht. Als sie zurückkamen, war ich nur wenige Meter in Richtung Ziel „gewandert“. Wir benötigten zwei Stunden für eine Hauswand. Beim Genuss von Donuts hellte sich unsere Stimmung auf, weil wir linkisch den gesamten Puderzucker im Gesicht verteilten, auch die Kleidung sah aus, als hätten wir soeben eine Bäckerei besichtigt.

Ein Müllmann sammelte, begleitet von einem klingelnden Müllwagen, regelmäßig Abfälle auf und der Brezelverkäufer versuchte wirklich alles, aber auch wirklich alles, um sein Gebäck mit Salz (2 Euro) oder Käse (2,50 Euro) an Mann und Frau zu bringen. Die Schwäbinnen hinter uns wählten natürlich eine Brezel für zwei Euro, obwohl sie lieber eine mit Käse gegessen hätten. Das Café Einstein verkaufte an zwei Ständen für 2,50 Euro Kaffee im Pappbecher.

Als wir 15.00 Uhr um die nächste Ecke bogen, mussten erneut Lebensmittel her. Da diverse Schnellimbissketten nicht auffindbar waren, entschieden wir uns für gebratene Nudeln vom Asiaten. Wieder zurück, fanden wir Anke verrückt – fünf Meter nach vorne. Es begann zu regnen, es setzte lautes Getöse ein, es folgte die Vorführung von „Synchron-unters-Dach-rutschen“. Dies war keine leichte Inszenierung, da Taschen, Stühle, Getränke, Kind und Kegel ebenfalls mit höchster Präzision verschoben werden mussten. Ein MoManizer verriet uns, dass wir etwa 19.00 Uhr, vielleicht auch 19.30 Uhr am Eingang sein würden. Bei ELF Stunden Warterei kommt’s auf die halbe Stunde auch nicht an, oder?!

Anke ging auf die Toilette und plötzlich bewegte sich die Schlange in einem Tempo, das uns schier in Staunen versetzte, ganze zwei Hauswände innerhalb kürzester Zeit. Lag es etwa an Anke?

Nein, an den Bussen. Ärgernis und Gesprächsthema Nummer Eins in der MoMA-Schlange waren nämlich nicht Kunstwerke, sondern Busse, Busse mit Tausenden aus der Oberschicht (bezogen auf die Warterei). Gegenüber zwanzig „MoMa-Schlange-Unterschichtlern“ wurden nämlich „Nicht-eine-Minute-warten- müssen-Oberschichtler“ aus drei bis vier Reisebussen der Eintritt gewährt. Die bekamen eine Führung und hielten dadurch den Betrieb noch mehr auf. Die Schlange war nichts wert. Liebe Schüler, studiert das Prinzip von Ober- und Unterschicht doch einfach vor der Nationalgalerie, anschaulicher kann es keiner erläutern.
Erläutern konnten übrigens die MoManizer auch nicht viel. Als der Abend angebrochen war und die Opernaufführung, für die unsere zwei Schwäbinnen Karten reserviert hatten, näher rückte, fragten die Ungeduldigen, wo die Bilder von Miró hingen, auf die sie unbedingt wenigstens einen Blick werfen wollten. Die MoManizer zuckten mit den Schultern und zogen stotternd von dannen. Ein Ausstellungsplan existierte nicht.

Als noch eine Hauswand vor uns lag, feierten wir mit den 18.00-Uhr-Glocken der St.-Matthäus-Kirche unsere zehnte Wartestunde. Leider war der Champagner nicht kalt gestellt. Ein MoManizer flüsterte etwas ängstlich, dass wir noch mit mindestens einer Stunde rechnen müssten.

Inzwischen hatte eine Hamburgerin das schwule Pärchen mit Geld bestochen und sich vorgedrängelt. Sie fragte den Sicherheitsbeamten, den Türsteher sozusagen, warum, wenn zwanzig Besucher aus der Galerie kämen, nicht mal einer aus der Schlange reingelassen würde. Da meckerte er, sie könne ja auch ganz draußen bleiben, wenn sie rumnöle.
Auf den letzten Metern erkundigten sich zahlreiche Menschen, die wie in einem Zoo die MoMA-Schlange bestaunten, wie lange wir schon warten würden. Leni antwortete „Seit kurz vor acht.“. Als sie feststellten, dass die Uhr der Kirche erst auf kurz nach sieben stand, realisierten sie „Kurz vor acht am Mooooorgen!“ und konnten es nicht fassen. Diese Worte hallten noch lange in unseren Köpfen nach: „Kurz vor acht am Morgen“.

Die Stimmung in der Schlange war erstaunlich gut, es gab keine Ausschreitungen, man lachte über sich selbst – wie irre muss man eigentlich sein, sich ELF Stunden in eine Schlange zu stellen, um Kunst anzuschauen!?

Etwa 19.30 Uhr betraten wir die MoMA in Berlin, gaben unsere Klappstühle zurück und überreichten unsere Taschen einer finsteren Garderobenfrau, so unfreundlich, dass es nach ELF Stunden nur noch schmerzte.

„Waren wir hier nicht schon?“ lautet der Leitspruch der Neuen Nationalgalerie. Aufgrund der, für eine Galerie unmöglichen Bauweise des Gebäudes, Mies van der Rohe hin oder her, irrten nicht nur wir durch die Räume, sahen manches Bild zweimal und manches womöglich keinmal.

Nach der Ausstellung warfen wir einen Blick in das Gästebuch und lasen begeisterte Einträge: „Prima, null Stunden Wartezeit …“.

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