Nichts für „Kleine Ladenmädchen“

Nichts. Einöde. Eine Stimme erzählt von vergangenen Zeiten, von Verbrecherjagden und Hütern des Gesetztes. Doch können in dieser Einsamkeit und trostlosen Stille überhaupt Verbrechen geschehen?

Wo hier ein Mensch auftaucht, erscheint auch eine Waffe, ist oder war Gewalt. Entsprechend en passant – als gehörte das alles zum Tagesgeschäft – macht der in der Eintönigkeit gelangweilt umherstreifende Llewelyn Moss (Josh Brolin) die Entdeckung einer ermordeten mexikanischen Drogengang und des dazugehörigen Geldes. Keine verzogene Miene, kein Lächeln angesichts des plötzlichen Reichtums, als fände man täglich zwei Millionen Dollar in der Prärie.
Inzwischen befreite sich der Mörder Anton Chigurh (Javier Bardem) aus polizeilichem Gewahrsam und beginnt nun seinen beinahe apathisch anmutenden Killerspaziergang in Richtung Geldkoffer. Wer ihm begegnet, ist bei der Verabschiedung meist tot. Chigurh, kein dumpfer Meuchelmörder, tötet höflich („Sir, könnten sie bitte…“ – Schuss) und mit einer Beiläufigkeit, die nicht einmal dem Opfer Zeit lässt, Angst zu verspüren. Die Leichen werden in die Landschaft drapiert, der Tod wird zur Ästhetik. In dieser Hitze schaudert man vor emotionaler Kälte. Die nahezu einzige Gefühlsäußerung des Films löst dann auch eine Kettenreaktion aus, die ein Gewissen in dieser Welt als schweren Fehler deklariert und sich ohnehin als Paradoxon ausnimmt. Der Sterbende ist längst nicht mehr zum Trinken in der Lage, als Llewelyn ihm das ersehnte Wasser bringt, stattdessen beginnt ein Reigen aus Flucht-Verfolgung-Flucht – Stille-Schuss-Stille.

Wie bereits in „Blood Simple“ (1984) und „Fargo“ (1996) zeichnen die Coens mit „No country for old men“ ein düsteres Bild eines gewalttätigen Amerikas, das von Waffen und Geld regiert wird. Es existiert offensichtlich ein Kausalzusammenhang: da wo Geld ist, ist Auseinandersetzung bis hin zur Gewalt. Als Chigurh durch einen Autounfall aus der Lethargie seiner Morde gerissen wird und erstmals ohne Waffen von dannen zieht, streitet sich bereits der Nachwuchs um die soeben erworbenen Dollar.

Die Coens bleiben sich auch mit ihrem 12. Film treu. Neben stilistisch typisch coenschen Elementen, sind Gesellschaftskritik in die Dialoge und subtile Überraschungsmomente in die Handlung verwoben. Der Zuschauer erwartet, dass bei der Begegnung zwischen Carson Wells (Woody Harrelson) und Anton Chigurh jeden Augenblick der Schuss fällt und doch drückt Chigurh im unerwartetsten Moment ab, um dann seelenruhig ein Telefonat entgegenzunehmen. Die für die Coens charakteristischen vermeintlichen Leerstellen, zeigen sich letztlich als titelgebende Essenz. Die Gelassenheit, mit der Sheriff Ed Tom Bell (Tommy Lee Jones) die Vorgänge aufzuklären versucht, entpuppt sich als Hoffnungslosigkeit auf eine bessere Welt. In diesem Land gibt es keinen Gott, keine Erlösung und so bleibt dem Sheriff im Ruhestand nichts anderes übrig, als auf den Tod zu warten. Sein Traum vom Jenseits mutet dann auch wie das wärmste Bild des Films an – der Tod ist in dieser Gegend heimeliger als das Leben. Dieses Land ist eben „No country for old men“.

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