Gender Studies mit Frau Lebowski

Ein Film über eine Alkoholikerin beschreibt normalerweise eine zerrissene Persönlichkeit, ihre psychischen Leiden, ihren Kampf gegen die Sucht. Erick Zoncas „Julia“ dagegen schildert das Ringen mit dem eigenen grenzenlosen Unvermögen und einer Selbstüberschätzung, die an coensche Helden erinnert. Gegen den Alkohol anzukämpfen kommt Julia (Tilda Swinton) gar nicht in den Sinn, warum auch? Und überhaupt, was sich die Leute immer so aufregen. Julia, eine Art weiblicher Dude, macht den Exzess zum Alltag, mit einer Natürlichkeit und Radikalität, die den Zuschauer in Erstaunen versetzen. Meist wacht sie neben irgendeinem Mann auf, den Busen halb entblößt, und leckt sich die Lippen als hätte sie soeben etwas Undefinierbares, aber nicht besonders Schmackhaftes gekostet. Überragend Tilda Swintons Mimik und Schamlosigkeit.

Ohne Probleme ist jedoch auch Julia nicht – sie hat ihren Job verloren, ihre Miete nicht bezahlt, es fehlt einfach das Geld. Als sie sich lustlos zu einem Treffen der Anonymen Alkoholiker schleppt, lernt sie die nervöse Mexikanerin Elena (Kate del Castillo) kennen. Elena überredet Julia, bei der Entführung ihres Sohnes Tom (Aidan Gould) aus den Händen des millionenschweren Großvaters zu helfen. Nun kommt Julia auf die absurde Idee, den Enkel des Millionärs selbst zu kidnappen. Skurril gestaltet sich die Odyssee der Entführung und Lösegelderpressung, denn selbstverständlich kann Julia auch jetzt nicht auf den Alkohol verzichten und mit zwei bis drei Promille lässt es sich schwer denken, Auto fahren und lügen. Auf der Irrfahrt nach Mexiko verliert sie leicht mal den Überblick über ihre phantasievollen Flunkereien.

Zwar vertreiben Tilda Swintons Schauspielkunst, der hinreißende Aidan Gould und der schwarze Humor, der leider zu selten den Film durchzieht, gelegentlich die Langeweile, insgesamt geriet jedoch der Film etwas zu ausführlich – hier läge die Würze in der Kürze.

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