Vor 400 Jahren starb der großartige Bildhauer Giovanni da Bologna

Michelangelo Buonarroti galt und gilt als Superstar der Bildhauerei schlechthin – sein „David“ in Florenz millionenfach besucht, seine Werke zahlreich zu Postern und Postkarten verarbeitet, die Literatur über den Künstler unzählbar. Bereits zu Lebzeiten erfreute er sich der uneingeschränkten Vorbildfunktion für eine junge Künstlergeneration, die der „maniera“ besonders seines Spätstils nacheiferte.
Nun konstatierte im Jahr 1752 Sir Joshua Reynolds, Gründer der Königlichen Akademie der Künste in London, bei seinem Besuch der ehemaligen Werkstatt eines gewissen Giambolognas begeistert, es sei recht schwierig zu entscheiden, welcher der bessere Bildhauer sei: Michelangelo oder Giambologna? Doch wer war dieser großartige Künstler, der sogar Michelangelo das Wasser reichen konnte?

Die deutschsprachige Literatur verrät wenig über den 1529 in Flandern geborenen Jean de Boulogne, der sich seit seiner Einbürgerung in Italien in den 50er Jahren des 16. Jahrhunderts Giovanni da Bologna oder Giambologna nannte. Schnell genoss dieser nach seiner Ankunft in Florenz das Mäzenatentum der Florentiner Großherzöge de` Medici, zu deren Hofbildhauer er avancierte. Dabei kam ihm nicht nur sein Kenntnisreichtum der antiken und zeitgenössischen Kunst zugute, sondern vor allem seine Vielseitigkeit, technische Virtuosität und innovative Kraft. Das Spektrum seiner Kompositionen reichte von erfinderischen Kleinbronzen über dynamische Monumentalplastiken (beeindruckend sein „Appenin“ im Park der Villa Demidoff in Pratolino) bis hin zu naturalistischen Tierskulpturen, die für die französische Bildhauerschule des 19. Jahrhunderts vorbildhaft waren. Zugleich erfüllten Giambolognas Skulpturen die manieristischen Forderungen nach Kontrast, dem überraschenden Effekt, dem Komplizierten und Geistreichen. Er wagte, besonders im Bereich der Kleinbronzen, woran andere bis dahin gescheitert waren.

Überragend in Raffinesse und Leichtigkeit ist sein „Merkur“, ein filigraner, schwebender, junger Gott, im Begriff, sich in den Himmel zu erheben. Lediglich die Zehenspitzen seines linken Fußes berühren noch den Boden. Übertroffen wird diese statische Meisterleistung von da Bolognas lebendiger Figurengruppe „Nessus und Deianira“. Soeben setzt der kraftvolle Kentaur Nessus mit der sich angstvoll windenden Deianira auf dem Rücken zur Flucht an. In einer hervorragenden und bis dahin einmaligen Komposition gelang es dem Künstler, ein sich aufbäumendes Pferd zu modellieren, dessen Vorderhufe in keiner Weise gestützt werden.
Giambologna brachte das manieristische Prinzip der „Figura serpentinata“ in einer ebenso bewegten und wohl der bekanntesten Figurengruppe zur Vollendung. In der monumentalen Skulptur „Raub der Sabinerin“, dem Höhepunkt seiner Laufbahn als Bildhauer, setzte er den Rat Michelangelos virtuos um: höchste Anmut und Ausdrucksstärke einer Figur zu erzielen, wenn diese in Bewegung, flammenförmig und in sich gedreht dargestellt sowie mit weiteren Figuren kombiniert werde. Ein Jahr nach der Enthüllung der Raptusgruppe veröffentlichte der Kunsttheoretiker Giovanni Paolo Lomazzo diese und andere Kriterien in seinem „Traktat über die Kunst der Malerei“ (1584). Heute wetteifert die Kopie der Plastik auf der Piazza della Signoria mit Michelangelos „David“ um die Gunst der Kunstliebhaber.

Giambolognas meisterhafte Kleinbronzen galten bereits im ausgehenden 16. Jahrhundert nicht nur als überragende Kunstwerke, sondern besaßen den Rang von Staatsgeschenken. Die einflussreichsten Sammler Europas, von Herzog Albrecht V. von Bayern bis hin zu Kaiser Rudolf II., nutzten seine Werke als diplomatische Gaben und zur politischen Huldigung.
1587 erhielt auch Christian I. anlässlich seines Regentschaftsantritts als Kurfürst von Sachsen eine solche Geschenkesendung des toskanischen Großherzogs Francesco I. de` Medici. Giovanni da Bolognas „Merkur“, „Nessus und Deianira“, „Schlafende Venus und Satyr“ sowie „Mars“ (ein persönliches Geschenk des Künstlers) bildeten in Dresden den Grundstock des plastischen Bestandes der Kunstkammer. Die Geschenke regten überdies an, italienische Künstler wie Carlo di Cesare, einer der zahlreichen Schüler Giambolognas, an den sächsischen Hof zu holen – sie nahmen nicht nur Einfluss auf die Skulptur, sondern auch auf Zeichenkunst und Architektur.
Besonders im Hinblick auf seine Bedeutung für Dresden verwundert die mangelnde Auseinandersetzung mit seinem Werk, nicht nur in der deutschen Kunstliteratur.

Giovanni da Bologna, der am 13. August 1608 starb, zählte zu den einflussreichsten Bildhauern und Bronzeplastikern des Manierismus, sein Schaffen inspirierte bis in das 18. Jahrhundert hinein Künstler und Sammler, seine Entwürfe gehören zu den am häufigsten replizierten Bildwerken.
Ein Künstler, der einer Erinnerung würdig ist.

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