Das Streben nach Geld

Güllen, ein altes, graues, heruntergekommenes Kaff, erhält hohen Besuch, putzt sich fein heraus und sammelt die Musiker des Ortes zusammen, um dem Gast ein Ständchen zu bringen. Die Milliardärin Claire Zachanassian (Christiane Hörbiger), einst Bewohnerin Güllens (früher noch Klara Wäscher), wird mit dem Regionalzug erwartet, landet jedoch, mondän wie es sich für eine Geschäftsfrau gehört, mit dem Hubschrauber und lässt sich von den Obersten der Stadt umgarnen. Bürgermeister, Pfarrer und Polizist schmeicheln der Alten nicht ohne Grund, der Stadt fehlt Geld, das heruntergefallene „H“ am Rathaus spricht Bände, „Rat aus“, Güllen weiß nicht mehr weiter. Da macht die Zachanassian das unglaubliche Angebot, zwei Milliarden zu spenden, doch ihre Gegenleistung löst Empörung aus: Claire will Gerechtigkeit für das ihr damals durch Bewohner zugefügte Unrecht, Alfred Ill (Michael Mendl), ehemaliger Geliebter der Dame, soll sterben…

Kommt auf der Bühne oft das Komische des Stücks mehr zum Tragen, konzentriert sich der Film auf das psychologische Spiel der Tragödie, die Fragen: Was ist Gerechtigkeit? Welchen Wert haben Freundschaft, Ehe und Vertrauen im Angesicht des Geldes? Die Güllener ringen mit ihrer Moral. Versichern sie Alfred anfangs noch ihre Loyalität, so schwindet nach und nach immer mehr die Hemmschwelle bis der Freund (Dietrich Mattausch) Alfred bittet, sich zu töten, damit die Bewohner keinen Mord begehen müssen. Ist die Anstiftung zum Selbstmord nicht auch Mord? Und beging nicht Alfred schon Mord an der alten Klara, von der nun nichts mehr da ist, nur noch Claire?

Die Kamera zeigt in ruhigen, atmosphärischen Bildern das Angespannte der Situation, das Ungewisse, Unklare, Vage – Nebel, Schatten, Dämmerung. Michael Mendl verkörpert die Angst, das Verfolgtsein und die Flucht ohne Übertreibung, aber doch eindringlich. Brillant auch das minimalistische Spiel der Hörbiger, die Verletzlichkeit hinter der Kälte, das durch Demütigungen Erstarrte, die Rachegefühle der noch Liebenden gegenüber des Geliebten, das Zwiespältige der Gefühle und das Angewiderte gegenüber den niederen Instinkten der Menschen, die für Geld jegliche Moral und Ethik verlieren. Abscheu empfindet mit ihr nur der Kulturbeflissene (Rolf Hoppe), der jedoch sein Grauen im Alkohol ertränkt und resigniert, statt gegenzusteuern – welch eine Metapher.

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