In den Tiefen des Seelenmeeres

Wie sich ins Gedächtnis rufen, was so schrecklich war, dass das Unterbewusstsein sich gegen die Erinnerung wehrt? Der Israeli Ari Folman drehte einen Film:

„Waltz with Bashir“ beginnt mit dem Alptraum eines Freundes und endet mit seinem eigenen, einem Alptraum, der real war – den Massakern von Sabra und Schatila im Libanonkrieg 1982. Folman sah als 19-jähriger Rekrut zu, wie palästinensische Flüchtlinge von christlichen Falangisten erschossen wurden. Ein Trauma, eine Schuld, denn er sah zu, unternahm nichts gegen die Gräueltaten  – wie die Politiker und wie die israelische Armee, die das Verbrechen mit gespenstisch gelbem Schein ausleuchtete.

Folman begegnet in seinem Film Freunden, ehemaligen Kameraden, Psychologen und nimmt den Zuschauer mit auf einen Trip durch das persönliche Nightmare seiner Protagonisten. Doch wie ihre Ängste und surrealen Traumwelten darstellen? Der Regisseur fand eine großartige Bildsprache, eine für einen Dokumentarfilm ungewöhnliche dazu. Zunächst drehte Folman einen 90-minütigen Film aus Interviews und anderen Szenen. Daraufhin entwickelten er und sein Team ein Story-Board mit 2300 Zeichnungen, welches anschließend animiert wurde. Er griff dabei nicht auf das Rotoscop-Verfahren zurück, sondern verschmolz Flash-Animation, klassische Animation und 3D. Schatten und Licht schaffen eine sinnbildhafte, bedrückende Atmosphäre. Und selbst die, aufgrund der Technik, verlangsamten Bewegungen finden ihre Daseinsberechtigung – alle wirken wie in Trance, wie betäubt von dem Unfassbaren, das sich langsam wieder in die Psyche frisst.

Allerdings, aber das empfindet jeder anders, behindert die Animation bisweilen die Unmittelbarkeit und das emotionale Eindringen in die Schrecken des Krieges, in dem Soldaten wahllos töten. Die Erzählenden entziehen sich gelegentlich dem Zuschauer.
Überwältigend und aufwühlend wird der Film stets, wenn die Bilder nahezu poetisch werden, unterlegt mit Max Richters Piano- und Violinenklängen (großartig „The Haunted Ocean“ und „I Swam Out To Sea“). Wenn „Waltz with Bashir“ also ganz leise wird und die Schüsse im Kopf nachhallen, vermag er zutiefst zu berühren.

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