Warum Ludwig Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie kein Meisterwerk ist

NeueNationalgalerieBerlinMies van der Rohe erhielt 1962 den Auftrag, ein Museum zu errichten. 1965 begann der Bau, der 1968 vollendet wurde. Der Architekt entschied sich für eine Stahl-Glas-Konstruktion auf einer 105×110 m Meter großen Granitterrasse. Das quadratische Dach lagert auf acht Stahlstützen und überragt die umlaufenden Glaswände, die die stützenfreie Haupthalle des Museums bilden. Zwei Treppen im Inneren führen in weitere Ausstellungsräume mit labyrinthischer Raumaufteilung.

Form follows function, die Form folgt der Funktion  – so lautete einer der Leitsprüche des Bauhauses, dessen Direktor Ludwig Mies van der Rohe von 1930 bis 1932 war. Erfüllte er mit seinem Entwurf diese Prämisse?

Der Architekt selbst konstatierte, die große Halle bedeute ebenso große Schwierigkeiten für das Ausstellen von Kunst. Und bei der Eröffnungsausstellung begannen sich bereits die ersten Fehlleistungen des Architekten zu offenbaren. Am 15. September 1968 geriet das Dach bei windigem Wetter derart ins Schwanken, dass die Angst um die ebenfalls schwingenden ausgestellten Mondrian-Bilder größer war, als die Freude über die Eröffnung. Wenn der Architekt Kunst im wahrsten Sinne des Wortes zum Tanzen bringt, dann ist das kein schönes Bild (Christina Tilmann im Tagesspiegel, 14.09.2008), sondern ein Eklat für ein Museum. Kondenswasser an den und Sprünge in den Glasscheiben, rostende Stahlträger, bröckelndes Fundament, Probleme der Konservierung und Ausstellungskonzeption. Die Kunst droht stets in der Architektur unterzugehen – gut für das Ego eines Architekten, schlecht für ein Museum. Auch das Untergeschoss, zergliedert in 23 Eintelräume, lässt Ausstellungsmacher und Besucher verzweifeln. Wie Bilder hängen, wie den Besucher durch die Ausstellung führen, wie garantieren, dass sich dem Besucher auch jedes Werk erschließt? Mies van der Rohe mangelte es an Voraussicht und Einfühlungsvermögen in die Funktion eines Museums. Was ist ein Gebäude ohne Nutzwert? Ein bloßes skulpturales Objekt. Aufgabe des Architekten ist es, ein Bauwerk zu schaffen, dass seinem Zweck gerecht wird, sich harmonisch in die Umgebung einfügt und durchaus zugleich innovativ und kreativ sein kann. Doch an erster Stelle steht die Funktionalität. Ein bloßes architektonisches Kunstwerk ist nutzlos.

Laut Vitruvs „De Architectura“ beruht Architektur auf drei Prinzipien: Stabilität, Nützlichkeit und Anmut. Ludwig Mies van der Rohe hatte den Auftrag, ein Museum zu errichten. Er schuf einen Bau, der weder stabil noch problemlos nutzbar ist. Ob er durch Anmut glänzt, darüber lässt sich streiten. Mies van der Rohe hat seinen Auftrag nicht erfüllt.

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